Autonomie und Freundschaft: Blog Postwachstum über Ivan Illich

Unter dem Titel „Ivan Illich: Autonomie und Freundschaft“ ist am 08.01.2018 eine spannende Zusammenfassung über Ivan Illich – Leben und Werk – erschienen, versehen mit schönem Porträt (© Valérie Paquereau) und Literaturliste

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Besonders in späteren Jahren hat Illich sich von Versuchen distanziert, durch Proteste und Reformen die schlimmsten Auswüchse der modernen Lebens- und Wirtschaftsweise abzumildern, was ihm einige Kritik aus Aktivist/innenkreisen beschert hat, die ihn unter anderem als elitär oder sozialromantisch missverstanden. Aber ohne individuelle Selbstbegrenzung, Autonomie und ein anderes, von „unten“ organisiertes Miteinander waren für ihn alle Verbesserungen des Gegebenen nur ein Weitermachen, das sich über kurz oder lang wieder nur in das Gegenteil des Angestrebten umkehren würde. „Ich plädiere für eine Erneuerung asketischer Praktiken, damit unsere Sinne in den durch die ‚Show’ verwüsteten Welten, inmitten überwältigender Informationen, lebenslänglicher Beratung, Intensivdiagnostik, therapeutischem Management, Invasion von Beratern, Terminalpflege, Geschwindigkeit, die einem den Atem raubt, lebendig bleiben.“

Link zum Volltext
Ivan Illich: Autonomie und Freundschaft

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Alarmbereitschaft / Vortrag Marianne Gronemeyer

Lesenswert ist Marianne Gronemeyers Vortrag „Alarmbereitschaft! Krise als Dauerzustand – Gewöhnung an ein Unding!“ vom Oktober 2014. In der Einleitung nimmt Gronemeyer Bezug auf Illichs Selbstbegrenzung (in dt. Sprache erschienen 1975.) Nach Gronemeyer ist das Vorhaben des Menschenersatzes der Kern unserer Krise.

. So sehr der Grundton dieser frühen Streitschrift ein hoffnungsvoller ist, Illich sich also von der prognostizierten Krise die Überwindung des in jeder Hinsicht nicht nur kontraproduktiven, sondern zerstörerischen Industriesystems erhoffte, so sehr war er sich dennoch bewusst, dass sie zwei andere, ebenso mögliche Ausgänge hatte:

„… dass nämlich die in den Verhältnissen angestaute Unhaltbarkeit explodieren und in einem auf unabsehbare Zeit unheilbaren Zusammensturz, der nicht zu überleben wäre, enden könnte. Über diese Möglichkeit hat Ivan nicht gesprochen, weil sie unsere Vorstellungskraft übersteigt, weil er sich an sensationslüsterner Katastrophilie nicht beteiligen wollte (Freimut Duve:„Apogalypsegeilheit“) und weil man nur schweigen kann, wenn die Sprache und das Vorstellungsvermögen versagen. Und das hat er dann auch getan als Teilnehmer der Schweigegruppen der frühen achtziger Jahre mit ihrem ‚Nein ohne jedes Ja zu Massenvernichtungswaffen’. Gegenüber dieser seinsgefährdenden Möglichkeit scheint nur eine Haltung geboten, nämlich alle Kräfte daran zu setzen, die Krise, ihre weitere Zuspitzung, ihren explosiven Siedepunkt, hinauszuzögern, ihren Fortgang wenigstens, wenn auch nicht zu hindern, so doch aufzuhalten, Zeit zu gewinnen. Günther Anders spricht in diesem Zusammenhang von einer nur mehr verbleibenden Frist, die das Denken in aufeinanderfolgenden Epochen unwiderruflich abgelöst hat. Genau dieser verzweifelte Widerspruch zwischen dem Aufhalten-Müssen und dem Forcieren der Krise kennzeichnet unsere Situation, und genau er ist das Terrain der expertokratischen Verwaltung der Krise, so dass die uns verordnete Dauerkrise wie eine Aufhaltung der Krise erscheint.“

Und ein Stückchen weiter:

„Alle wissen heute, dass es so nicht weitergehen kann, dass die Schule den Vergleich mit der Hölle nicht zu scheuen braucht, dass sie tausendfältiges Leid und tausendfältige Blockaden für schöpferische Fähigkeiten auf dem Gewissen hat; alle wissen dass das sogenannte Gesundheitswesen ein Schreckensort ist …“

Auch die Wissenschaft als Teil unserer „Monokultur des Scheiterns“ ist erwähnt:

„Es sind mächtige Monopole, die sich in diesem Projekt zusammengeschlossen haben zu einem weltumspannenden Gesamtmonopol und darüber wachen, dass eine „Monokultur des Denkens“ [8] sich ausbreitet: Es sind jene treibenden Kräfte, die den Fortschritt garantieren: die Naturwissenschaft, die Ökonomie, die Technik und die Bürokratie, die modernen apokalyptischen Reiter!“

Es lohnt sich, den Text komplett zu lesen und Gronemeyer schließt mit Illich:

„Krise’ meint heute den Moment, in dem Doktoren, Diplomaten, Bankiers und allerlei Sozialingenieure übernehmen, in dem Freiheiten suspendiert werden. … Krise, der griechische Ausdruck für Entscheidung, Wendepunkt meint heute in allen modernen Sprachen: Gib Gas! ‚Krise’ beschwört die Vorstellung von einem bedenklichen, aber steuerbaren Unheil herauf, gegen das mit Geld, Manpower und Management vorgegangen werden muß. … Aber der Begriff Krise kann auch etwas ganz anderes bedeuten, nicht die kopflose Eskalation des Managements. Sie kann den Augenblick einer Wahl bedeuten, den wunderbaren Moment, wenn Menschen plötzlich ihrer selbstauferlegten Gefangenschaft gewahr werden und ein anderes Leben für möglich halten.“

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Alarmbereitschaft! Krise als Dauerzustand – Gewöhnung an ein Unding. Marianne Gronemeyer bei Stiftung Convivial

Der Begriff der Gesundheit: Vom Kongress der Stiftung Convivial

Auf der Webseite der Stiftung Convivial, einer Stiftung, die ihre Arbeit sehr wesentlich einem Autor und seinem Nachdenken, Ivan Illich, widmet, können einige Tagungsbeiträge der Konferenz „Alarmbereitschaft! Krise als Dauerzustand“ heruntergeladen (< zip) werden, so z.B. ein „Splitter“ zu Gesundheit von Charlotte Jurk.

„Gesundheit ist heute der fragile Zustand der Noch-Nicht-Krankheit.“

C. Jurk beschreibt in wunderbarer Weise die Fragen, die unser „schlechtes Gewissen“ ständig zu stellen scheint:

„Gesundheit ist heute ein gnadenlosen Sollwert, der einem keine Ruhe lässt.“

„Warum glauben wir, dass uns nichts hält außer einer lautlosen Maschinerie der bezahlten Versorgung?“

„Wir schlucken im Gesundheitsdiktat die Botschaft, dass wir vereinzelt und isoliert
voneinander die beste Lebenschance haben. In Stein gehauen, auf Hochglanzbroschüren
angepriesen, in Verhaltensregeln befohlen – ein Riesenapparat ist hochgezogen, um
berechtigte Ängste in einer zerfallenden Welt und das Gefühl der Verlassenheit nicht
spüren zu lassen.“

Im Fazit sagt Charlotte Jurk:

„Verzicht auf Gesundheit, das war die radikale Schlussfolgerung, die Ivan Illich gezogen
hat, die ich lange nicht verstand, aber von der ich heute weiß, dass dies der einzige Weg
ist, der kalten und sinnlosen Steuerung, diesem Kampf ums Überleben, zu entgehen.
Dann lässt sich Freiheit wieder gewinnen und vielleicht auch eine Vorstellung davon, dass
wir schlicht und einfach in der Regel gesund sind.“

Vielleicht sind wir nicht einmal in der Regel gesund, doch sollten wir uns nicht allzu freiwillig medikalisieren lassen und sehr viel kritischer Fragen.

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Webseite der Stiftung Convivial (Beiträge sind aktuell nur komplett als zip zum Download dort erhältlich

Wieviel Arbeit braucht der Mensch? (Marianne Gronemeyer)

Ein akuteller, in diese Tage passender Artikel, der „Denken nach Illich“ spiegelt, ist im Netz an verschiedenen Stellen zu finden: Marianne Gronemeyer: Wieviel Arbeit braucht der Mensch? Auf Prof. Dr. Marianne Gronemeyers Webseite gibt es ein pdf. Weitere Versionen finden sich beim Kritischen Netzwerk und beim Hamburger Wochenblatt. Eine weitere Version findet sich bei Anarchie und Nachhaltigkeit. Gut verständlich wird hier, wie verklavt und abhängig wir heute leben, wie hoch komplex unsere Lebenswelt ist und was Schattenarbeit bedeutet.

Die Zeit, die wir in sinn- und bedeutungslosen Arbeitsvollzügen zubringen, geben wir als Lebenszeit schon verloren. Das sind also mindesten 8 Stunden täglich, die wir schon abgeschrieben haben und die wir nolens volens als den Preis erachten, den wir nun einmal für die Segnungen der Freizeit zu entrichten haben. Arbeitszeit fällt als Zeit sinnerfüllten Lebens aus, wie sehr wir auch bemüht sein mögen, sie uns als sinnvoll verbrachte Zeit schmackhaft zu machen. Wir tendieren ja dazu, Arbeiten zu unterscheiden je nachdem, wie viel Befriedigung sie uns zu geben vermögen.

Vollste Zustimmung und es bringt mich mitunter zum Zerspringen, wenn ich nach den „Pflichtarbeitszeiten“ am Ende so vieler Tage nichts, wirklich praktisch nichts mehr für mich selbst behalte, ein paar heimliche Gedanken während der Arbeitszeit (natürlich nicht ohne schlechtes Gewissen) oder während der Jahre der Fahrerei zur Arbeitsstelle hin und von der Arbeitsstelle zurück vielleicht … und dabei dann noch die Angst, die mitunter an Surrealismus grenzt, immer noch nicht gut genug zu sein, vielleicht aus irgend einem unerfindlichen Grunde den „Arbeitsplatz“ zu verlieren. Dieser Text hat seit 2008 an Aktualität nur gewonnen.

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Webseite von Prof. Dr. Marianne Gronemeyer, mit weiteren spannenden Texten